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„Frau Doktor, übernehmen Sie“ – die Medizin wird weiblich

Betrachtet man die Statistik, lässt sich er kennen, dass Ärztinnen insbesondere in den letzten 5 bis 10 Jahren in allen Tätigkeitsbereichen beruflich aufgeholt haben. So sind inzwischen 43 % der Krankenhausärzte, 39 % aller ambulant Tätigen und rund 50 % aller in Körperschaften/Behörden und sonstigen Bereichen Tätigen weiblich. Diese Zahlen können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch heute noch Ärztinnen – ähnlich wie Frauen aus anderen Berufsgruppen – beim beruflichen Aufstieg an die berühmte „gläserne Decke“ stoßen. Der Weg an die Spitze ist für Ärztinnen nach wie vor überaus schwierig. Während 2009 immerhin rund 20 % aller Oberarztpositionen mit Frauen besetzt waren, schafften es auf den Chefsessel lediglich 11 %. Im universitären Bereich ist die Situation noch deutlich schlechter: Hier finden sich in den höchsten Besoldungsstufen C4/W3 lediglich rund 9 % Medizinerinnen. Wie die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz in ihrem Bericht „Frauen in der Medizin“ ausführt, liegt der W3/C4-Professorinnen-Anteil in den medizinischen Fächern „trotz des großen Potenzials an promovierten Nachwuchswissenschaftlerinnen“1 damit unter dem Durchschnitt aller Fächer (13,3 %).

Tab. 1: Wo arbeiten Ärztinnen (2009) Quelle: Bundesärztekammer. Ergebnisse der Ärztestatistik zum 31.12.2009, Online: www.baek.de.

Historisch gesehen beschreiben nach dem Kampf um das Medizinstudium und dem Eintritt in das Berufsleben nun die Stichworte:

  • Weiterbildung
  • Karrierechancen
  • Vereinbarkeit

die Situation der heutigen Ärztegeneration. Tabelle 2 macht deutlich, dass eine steigende Zahl von Ärztinnen eine Weiterbildung nicht nur beginnt, sondern auch abschließen kann: Gemessen an der Gesamtzahl aller Facharztanerkennungen lag ihr Anteil 2009 bei 43,7 %. Keine Angaben gibt es zu der Frage, wie lange Ärztinnen
im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen zur Absolvierung einer Weiterbildung benötigen. Zu vermuten ist, dass Frauen aufgrund von Unterbrechungen, Teilzeit u. Ä. die Mindestweiterbildungszeiten der Muster-Weiterbildungsordnung deutlich überschreiten. Eine Umfrage bei Chirurginnen ergab z. B., dass die Weiterbildungszeit durch Schwangerschaft und Erziehungszeit sich bei 80 % der Befragten um mindestens ein Jahr, bei über 25 % sogar um mehr als drei Jahre verlängerte. Wie zu erwarten, korrelierte die Verlängerung der Weiterbildung i. d. R. mit der Anzahl der Kinder.2

Nach wie vor können Fachgebiete wie Orthopädie und Unfallchirurgie sowie Thorax- und Viszeralchirurgie als Männerdomänen bezeichnet werden. So wurden 2009 lediglich 10 % aller Facharztanerkennungen im Fach Orthopädie/Unfallchirurgie an Frauen vergeben. Dagegen sind Ärztinnen überproportional vertreten in Fächern wie Psychosomatischer Medizin und Psychotherapie, Kinder- und Jugendmedizin sowie Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Letztere entwickelt sich offenbar zu einem nahezu reinen „Frauenfach“: 2009 erhielten 453 Ärztinnen diese Fachbezeichnung, was einem Anteil von 78,8 % entspricht.

Tab. 2: Ärztinnen und Anerkennung von Facharztbezeichnungen Quelle: Bundesärztekammer. Ergebnisse der Ärztestatistik zum 31.12.2009; eigene Darstellung.

Teilzeit – Chance und Falle

Für viele Frauen mit Kindern ist eine Teilzeittätigkeit nach wie vor die einzige Möglichkeit, Beruf und Familie in eine einigermaßen harmonische Balance zu bringen. Während das Angebot an Teilzeitstellen noch vor wenigen Jahren relativ überschaubar war, hat sich dies in Zeiten des Ärztemangels deutlich gewandelt.

So gaben bei einer Befragung des Deutschen Krankenhausinstituts im Jahr 2009 rund 90 % der befragten Krankenhäuser an, Teilzeitarbeitsplätze standardmäßig anzubieten.

Allerdings gab es die Möglichkeit zur Weiterbildung in Teilzeit nur bei rund 50 % der Häuser.

Wer eine Teilzeittätigkeit anstrebt, sollte auch die Nachteile kennen und abwägen. Neben dem geringeren Einkommen und daraus resultierenden reduzierten Alterseinkünften schlagen insbesondere die entsprechend verlängerten Weiterbildungszeiten und oftmals verringerten Karrierechancen negativ zu Buche.

Dennoch: Angesichts des bestehenden Ärztemangels und der zunehmenden Zahl von Ärztinnen sind und werden
immer mehr Chefärzte (die Teilzeitwünschen ihrer Mitarbeiter in der Vergangenheit häufig eher ablehnend gegenüberstanden), aber auch Krankenhausträger bereit sein, hier Kompromisse einzugehen bzw. neue und flexible Arbeitszeitmodelle zu konzipieren.

Erste Anzeichen lassen sich bereits deutlich an den Stellenanzeigen ablesen. Eine Analyse der Stellenanzeigen im Deutschen Ärzteblatt ergibt, dass sich in rund 30 % aller Ausschreibungen Hinweise auf Teilzeitmöglichkeiten bzw. familienfreundliche und geregelte Arbeitszeiten finden lassen. Dies gilt allerdings nicht für Oberarzt- oder Chefarztpositionen. Führung in Teilzeit bleibt zunächst eine eher akademische Diskussion.

Deshalb: Stellenanzeigen genau analysieren und – falls nichts angegeben ist – spätestens beim Bewerbungsgespräch
die Frage einer Teilzeittätigkeit bzw. familienfreundlicher Arbeitszeitmodelle thematisieren.

Flexible Arbeitszeit-/Teilzeitmodelle
Tab. 3: Flexible Arbeitszeit-/Teilzeitmodelle Quelle: Zeitbüro NRW ( hrsg.): Flexible Arbeitszeiten/ Informationsbroschüre für Unternehmen in NRW. 3. Aufl. 2008; eigene Darstellung.

Wichtig für beide Seiten – Krankenhausträger und Ärztinnen – ist es, nach kreativen Lösungen zu suchen und auch
einmal eingetretene Pfade zu verlassen (vgl. Tab. 3).

Nach einer Untersuchung an den Universitätsspitälern Basel ergeben sich günstige Bedingungen für Teilzeitarbeit
insbesondere in folgenden Bereichen:

  • Spezialabteilungen mit großem Anteil an ambulanten Sprechstunden, z. B. Onkologie, Urologie.
  • Chirurgische Bereiche mit kurzen Eingriffszeiten, z. B. plastische Chirurgie.
  • Bereiche mit hoher Patienten-Fluktuation, z. B. Anästhesie, Notfall.
  • Enge Spezialgebiete, z. B. Hand- und Fußchirurgie: Je kleiner ein Gebiet ist, desto schneller hat eine Nachwuchskraft auch in TZ-Arbeit genügend Arbeits-, bzw. Operationserfahrung“.3

Zur „Falle“ wird eine Teilzeittätigkeit in der Regel dann, wenn

1) zu lange in Teilzeit mit nur wenigen Stunden pro Tag gearbeitet wird und
2) trotz Teilzeit Bereitschaftsdienste und Überstunden anfallen, die sich zu einer Quasi-Vollzeit summieren.

Von daher ist es sinnvoll, seine Situation von Zeit zu Zeit zu analysieren, ggf. nach neuen Möglichkeiten zu suchen und dabei u. U. auch den Partner mit einzubeziehen. So scheint z. B. das sogenannte vollzeitnahe Teilzeitmodell für immer mehr Paare eine interessante Option. Beide Partner arbeiten jeweils zu 70 % bzw. 80 % und kombinieren ganztägige Arbeitstage mit freien Wochentagen in der Form, dass familiäre Verpflichtungen von beiden wahrgenommen werden können.

Unterstützung durch Mentoring und Netzwerke

Unter Experten besteht Einigkeit, dass eine Karriere sich nicht in allen Einzelheiten und über viele Jahre hinweg im Voraus planen lässt. Dennoch verlangt eine zufriedenstellende, erfolgreiche Berufslaufbahn ein gewisses Maß an strategischen Überlegungen und Zielvorstellungen.

Unterstützung und Hilfestellung beim Einstieg und Aufstieg finden immer mehr Ärztinnen dabei in Form gezielter Mentoringprogramme, die von verschiedenen Organisationen (z. B. Ärztinnenbund / Marburger Bund) und insbesondere von Universitäten4 angeboten werden. Mentoring ist ein mittlerweile weitverbreitetes, institutionalisiertes und formalisiertes Instrument zur Karriereförderung von Frauen. Dabei steht eine erfahrene, in der Regel hierarchisch höher stehende Person – der Mentor bzw. die Mentorin – einer förderungswürdigen, karrierewilligen Person (Mentee) zur Seite. Je nach Zielsetzung des Programms kann es dabei um allgemeine Karriereberatung, um Förderung von Promotionen und Habilitationen sowie Beratung in Bewerbungsverfahren um Chefarzt- oder Professorenpositionen gehen.

Ergänzend zu der individuellen „Tandembeziehung“ werden weitere individuelle Trainings und Coachings angeboten, wie z. B. Mitarbeiterführung / Rhetorik und Präsentation oder Management. Oftmals bieten derartige Mentoringprogramme auch einen Einstieg in geeignete Netzwerke.

Während es bei Ärzten selbstverständlich zu sein scheint, sich in den verschiedensten formellen und informellen Netzwerken, sogenannten „old boys networks“ zu bewegen und davon zu profitieren, müssen Ärztinnen dies offenbar erst noch lernen. Weder in den Ärztekammern noch in nationalen und internationalen Fach- und Berufsgesellschaften sind Ärztinnen ihrem Anteil entsprechend in herausgehobenen Funktionen vertreten.

Auch ein Blick in die Referentenlisten medizinischer Kongresse lässt einen erheblichen Nachholbedarf erkennen. Zusammenfassend lässt sich dennoch festhalten: Die Berufsaussichten von Ärztinnen werden sich auf allen Hierarchieebenen und in allen Bereichen ärztlicher Tätigkeit kontinuierlich verbessern. Dies dürfte letztlich auch für Ärztinnen mit Kindern gelten, da die Bereitschaft von Krankenhausträgern, Strukturen zu entwickeln, die eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie fördern, notwendigerweise wächst.

Mut machen – die Rolle von Vorbildern

„Nutzen Sie Ihre Chancen, fordern Sie von den Chefärzten eine strukturierte und qualitativ hochwertige Weiterbildung
und fordern Sie von den Arbeitgebern Konzepte für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Aber: Entwickeln Sie auch Ihre individuelle Karrierestrategie – und vor allem: Seien Sie mutig!“, betonte Chefärztin Dr. Gunda Leschber auf der Marburger Bund Karrieremesse DocSteps 2008 in Berlin gegenüber Medizinstudentinnen und jungen Ärztinnen.

Trotz unzweifelhaft vorhandener vielfältiger Probleme und Hürden haben es gerade in den letzten Jahren zahlreiche Ärztinnen in leitende Funktionen, sei es als Oberärztin, Chefärztin, Professorin oder Leiterin eines Gesundheitsamtes, geschafft.

Neben fachlichem Können und breitem Erfahrungshorizont zeichnet diese Frauen vor allem Mut und Willenskraft
aus. Viele von ihnen versuchen zudem, etwas von ihren Erfahrungen an die nachfolgende Generation weiterzugeben. So gründete z. B. Dr. Gunda Leschber, die 2003 Chefärztin für Thoraxchirurgie am Fachkrankenhaus für Lungenheilkunde in Berlin-Buch wurde, einige Jahre später innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Thoraxchirurgie eine neue Sektion „Frauen in Thoraxchirurgie (FIT)“. Ziel ist es, Frauen für das Fachgebiet zu begeistern und sie entsprechend zu fördern.

Prof. Katrin Engelmann, Chefärztin der Augenklinik am Klinikum Chemnitz betont, dass es für ihre Karriere ganz wichtig war, ein weibliches Vorbild zu haben.5 Beide Ärztinnen haben – wie sie betonen – wesentliche Anregungen für ihren Aufstieg durch ihre Teilnahme an einem Mentoringprojekt erhalten.

Eine besonders klare Zielvorstellung zeichnet Prof. Marion Kiechle aus, die hier als letztes Beispiel präsentiert werden soll.

„Ich will ein Klima schaffen, damit Frauen sich trauen“, sagte sie und diese Einstellung wünschen sich viele Ärztinnen – nicht nur von weiblichen Vorbildern.

Dr. Magdalena Benemann

1 Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (Hrsg.): Frauen in der Medizin – Ausbildung und berufliche Situation von Medizinerinnen. GWK-Materialien Heft 17. Bonn 2010. Online: http://www.gwkbonn. de/fileadmin/Papers/GWK-Heft-17-Frauenin- der-Medizin.pdf [abgerufen am 10.3.2011].

2 Welcker, K./Ansorg, J.: Kind oder Karriere – oder vielleicht beides? Ergebnisse einer Umfrage zur Familienplanung unter deutschen Chirurginnen. 2010. Online: http://www.bdc.de/index_level3.jsp?documentid=a801cfb9d2639f5cc12577ba003b6f62&form=Dokumente [abgerufen am 10.3.2011].

3 Von Gunten, A./Landmann, R.: Vereinbarkeit von akademischer Karriere und Familie – ein Frauenproblem?
In: Schweizerische Ärztezeitung 91/2010, S. 35 ff.

4 Spezielle Mentoringprogramme für Ärztinnen gibt es z. B. in Aachen, Berlin, Bochum, Dresden, Düsseldorf,
Freiburg, Leipzig, Mainz, Würzburg.

5 Hibbeler, B./Korzilius, H.: Die Medizin wird weiblich. In: Deutsches Ärzteblatt 12/2008, A-609.

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